
Das Austrian Health Forum 2026 in Schladming stand heuer ganz im Zeichen einer Frage, die das österreichische Gesundheitswesen in den kommenden Jahren zentral prägen wird: Wie schaffen wir ein System, das zugleich leistbar, solidarisch und versorgungsstark bleibt? Vom 28. bis 30. Mai 2026 kamen dazu rund 400 Expert:innen aus Gesundheit, Wissenschaft und Medizin zusammen. Die inhaltliche Klammer bildeten dabei zwei Leitbegriffe: Effizienz und Solidarität.
Auch wir waren heuer wieder stark vertreten. Für uns war das Austrian Health Forum einmal mehr ein Ort, an dem nicht nur über Probleme gesprochen wird, sondern an dem deutlich wird, wie eng Finanzierung, Versorgung, Personalfragen, Steuerung und politische Verantwortung tatsächlich miteinander verknüpft sind.
Ein Forum, das die Systemfrage stellt
Schon der Rahmen des Kongresses machte klar, worum es 2026 geht: Nicht um kosmetische Korrekturen, sondern um die Frage, worauf die Gesundheitsreform in Österreich letztlich hinauslaufen soll. Laut AHF stehen dabei jene strukturellen Probleme im Mittelpunkt, die unabhängig von parteipolitischen Detailfragen gelöst werden müssen – insbesondere in den Bereichen Steuerung und Finanzierung. Gleichzeitig beschreibt das Forum den aktuellen Druck auf das System als so hoch wie lange nicht mehr.
Genau das macht Veranstaltungen wie diese so wichtig: Sie bringen unterschiedliche Perspektiven zusammen, ohne die Realität im System auszublenden. Wer über Versorgung spricht, muss heute immer auch über Budgetdruck, demografische Entwicklung, Arbeitsrealität und Versorgungsstrukturen sprechen.
Die eigentliche Debatte hat erst begonnen
Einen besonders wichtigen Impuls lieferte die Keynote von Christoph Badelt mit dem Titel „Taten statt Warten – Wie können wir uns Gesundheit noch leisten?“. Bereits am Anfang wird ein zentraler Punkt deutlich: In Österreich besteht ein weitgehender Konsens darüber, dass Gesundheitsleistungen unabhängig vom ökonomischen Status zugänglich sein müssen. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Gesundheit ein Grundrecht ist, sondern wie eine hochwertige Versorgung für alle öffentlich finanzierbar bleibt.
Der Fiskalrat beschreibt die Ausgangslage dabei als ernst: Die Kombination aus wirtschaftlicher Schwäche und expansiver Ausgabenpolitik habe die öffentlichen Finanzen in eine schwierige Lage gebracht, Budgetkonsolidierung sei für mehrere Jahre notwendig. Gleichzeitig werde der Druck durch die demografische Entwicklung weiter steigen.
Besonders relevant für das Gesundheitswesen sind seine Zahlen zu den langfristigen Ausgabenentwicklungen. So steigen die demografiebedingten Staatsausgaben von 2023 bis 2070 vor allem in drei Bereichen deutlich an: Gesundheit um +2,6 % des BIP, Pensionen um +1,9 % des BIP und Pflege um +1,8 % des BIP.
Gesundheit wird teurer – nicht nur wegen der Demografie
Besonders interessant ist, dass diese Entwicklung nicht eindimensional erklärt werden kann. Der künftige Anstieg der Gesundheitsausgaben ist zwar zu rund 40 % durch die demographische Entwicklung bedingt, aber mit rund 60 % deutlich stärker durch das Stückkostenwachstum getrieben. Damit wird klar: Alterung allein erklärt die Dynamik nicht. Es geht auch um Preisentwicklungen, Produktivität, medizinischen Fortschritt und strukturelle Effekte im System.
Diese Differenzierung ist wichtig. Denn sie verändert auch die politische Debatte. Wer steigende Kosten ausschließlich mit der älter werdenden Bevölkerung erklärt, greift zu kurz. Es geht ebenso um die Frage, wie Versorgung organisiert ist, wie Ressourcen eingesetzt werden und welche Effizienzreserven tatsächlich gehoben werden können, ohne Qualität und Zugänglichkeit zu gefährden. Genau diese Verbindung von Systemrealität und Finanzierungslogik war einer der stärksten Punkte des Forums.
Unsere vorschläge zur Reform
Zur geplanten Gesundheitsreform gibt es inzwischen mehrere Papiere und Vorschläge. Unter anderem eines, das im Auftrag des Bundeskanzleramtes von Wirtschaftsexpert:innen um Prof. Bonin erstellt wurde. Es sieht vor, dass die Sozialversicherung ihre Beiträge nur mehr einhebt und dann in einen Topf weiterleitet, der entweder durch die Bundesländer, den Bund oder durch Gesundheitsregionen an Spitäler und niedergelassene Ärztinnen und Ärzte verteilt wird. In dieser Form entsteht ein rein staatlich gesteuertes Gesundheitssystem, welches zum Beispiel dem englischen NHS entsprechen würde. Dieses System hat aber in England nicht den gewünschten Effekt erzielt, denn die Gesundheitsversorgung hat sich durch den Spardruck und das Herunterfahren von Leistungen deutlich verschlechtert.
Wenngleich die Kritik am System der Sozialversicherung sicherlich eine Berechtigung hat, sichert dieses unabhängig von direkter politischer Kontrolle die Finanzierung von ca. der Hälfte der Gesundheitsausgaben in Österreich.
Zusätzlich gibt es Vorschläge vom Fiskalrat, dem Rechnungshof und den Sozialpartnern. Wir dürfen gespannt sein, wer sich durchsetzt. Jedenfalls werden Vorschläge benötigt, um ein Hin- und Herschicken der Patientinnen und Patienten zwischen Spitalsambulanz und niedergelassenem Bereich zu verhindern und diese am sogenannten „best point of service“ zu betreuen.
Unsere konkreten Reformvorschläge haben wir in das Wiener Spitalskonzept 2040 einfließen lassen – besonders relevant sind dabei die Seiten 7 bis 13.
Aus unserer Sicht braucht es keine weiteren Reparaturversuche im bestehenden System, sondern eine echte Strukturreform der Spitäler:

- Klare Trennung zwischen hochspezialisierter (stationärer) Spitalsversorgung und ambulanter Versorgung – Finanzierung des gesamten ambulanten Bereichs durch die Sozialversicherung
- Ausbau neuer Versorgungsmodelle der Tagesmedizin und abgestufter Versorgungsketten von der Primärversorgung bis ins Spital
- Etablierung spezialisierter tagesklinischer Einheiten außerhalb der Spitäler mit Zugehörigkeit zum intramuralen Bereich
- Stärkung von Hausärzt:innen, Fachärzt:innen und Primarversorgungseinheiten als erste Anlaufstellen mit klaren Schnittstellen zur Spitalsinfrastruktur
- Mehr Durchlässigkeit im System durch Ausbildungsverbünde und sektorenübergreifende Planung.
- Bessere Steuerung durch zentrale Bettenkoordination, digitale Kommunikation und koordinierte Rettungszufahrten.
Was wir von Schladming mitnehmen
Aus Sicht von TS Wien war das Austrian Health Forum 2026 vor allem deshalb relevant, weil es die entscheidenden Konfliktlinien offen sichtbar gemacht hat:
Erstens: Solidarität bleibt unverzichtbar. Gerade im Gesundheitswesen darf niederschwelliger Zugang zum System nicht in Frage gestellt werden.
Zweitens: Effizienz ist kein Widerspruch zur Solidarität, sondern ihre Voraussetzung. Wenn Mittel knapper werden und der Bedarf steigt, braucht es bessere Steuerung, klarere Strukturen und die Bereitschaft, ineffiziente Routinen ehrlich zu hinterfragen.
Drittens: Die Reformfrage ist längst eine Umsetzungsfrage. Das AHF hat nicht nur Probleme benannt, sondern sehr konkret über Strukturveränderungen, Daten, Finanzierungspfade und sektorenübergreifende Planung diskutiert. Genau dort wird sich entscheiden, ob aus Debatten tatsächliche Verbesserungen entstehen.
Unser Fazit
Das Austrian Health Forum 2026 hat gezeigt, dass sich die Zukunft des Gesundheitswesens nicht in simplen Gegensätzen entscheiden wird. Weder „mehr Geld“ noch „mehr Sparen“ allein lösen die grundlegenden Herausforderungen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, Solidarität, Qualität, Finanzierung und Versorgungsrealität gemeinsam zu denken.
Für uns war die Teilnahme deshalb mehr als ein Pflichttermin. Sie war ein wichtiger Anlass, zentrale Entwicklungen im Gesundheitswesen aus nächster Nähe mitzuerleben, mitzugestalten und in einen größeren Zusammenhang zu stellen.
Denn eines wurde in Schladming sehr deutlich:
Wer über die Zukunft des Gesundheitswesens spricht, muss den Mut haben, nicht nur Symptome zu benennen, sondern die Strukturfragen dahinter anzugehen. Mit unserer Teilnahme und unseren Vorschlägen haben wir einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet.

