Dr. Benjamin Glaser im Austausch mit Gesundheitsministerin Korinna Schumann beim UNIQUE Talk Gesundheitspolitik 2030

Öffentlich oder privat? Diese Frage greift bei der Zukunft unseres Gesundheitssystems zu kurz. Denn längst tragen beide Bereiche wesentlich zur medizinischen Versorgung in Österreich bei.

Österreich steht vor der Herausforderung, eine hochwertige medizinische Versorgung vor dem Hintergrund demograhischer Entwicklungen und steigender Kosten langfristig abzusichern. Die Bevölkerung wird älter, medizinischer Fortschritt ermöglicht immer mehr Behandlungen und gleichzeitig steigen die Anforderungen an Finanzierung, Personal und Versorgungsstrukturen.

Für uns ist klar: Ein starkes öffentliches Gesundheitssystem bleibt das Fundament unserer Gesundheitsversorgung. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass der private Gesundheitssektor längst einen relevanten Teil der Versorgung übernimmt und damit auch zur Entlastung des öffentlichen Systems beiträgt.

Diesen Standpunkt brachte Dr. Benjamin Glaser beim UNIQUE Talk „Gesundheitspolitik 2030 – Kooperation oder jede/r gegen jede/n?“ auch im direkten Austausch mit Gesundheitsministerin Korinna Schumann in die gesundheitspolitische Diskussion ein.

 

 

Der private Gesundheitssektor ist längst Teil der Versorgung

Die Debatte über Privatmedizin wird häufig so geführt, als würde sie in Konkurrenz zum öffentlichen Gesundheitssystem stehen. Diese Sichtweise wird der Realität der österreichischen Gesundheitsversorgung nicht gerecht.

Wahlärztinnen und Wahlärzte, Privatspitäler und andere private Gesundheitseinrichtungen übernehmen bereits heute einen relevanten Teil der medizinischen Versorgung.

Sie behandeln Patientinnen und Patienten, ermöglichen zusätzliche Facharzttermine und führen planbare medizinische Eingriffe durch. Damit stellen sie zusätzliche Versorgungskapazitäten bereit und können insbesondere dort entlasten, wo das öffentliche System an Kapazitätsgrenzen stößt.

Ohne diese privaten Kapazitäten würden Leistungen nicht einfach verschwinden. Ein Teil der Patientinnen und Patienten müsste stattdessen im Kassensystem oder in öffentlichen Spitälern versorgt werden.

Es sollte also keine Diskussion geführt werden, ob private Medizin grundsätzlich „gut“ oder „schlecht“ ist.

Entscheidend ist vielmehr, wie öffentliche und private Kapazitäten so zusammenspielen können, dass sie möglichst großen Nutzen für die Versorgung der Bevölkerung schaffen.

 

 

Auch private Mittel finanzieren unser Gesundheitssystem

Die Bedeutung des privaten Gesundheitssektors zeigt sich auch bei der Finanzierung.

2025 lagen die laufenden Gesundheitsausgaben in Österreich bei rund 61,3 Milliarden Euro. Davon wurden 75,6 Prozent öffentlich finanziert, während 24,4 Prozent beziehungsweise rund 15 Milliarden Euro auf private laufende Gesundheitsausgaben entfielen.

Dazu gehören unter anderem Ausgaben privater Haushalte für freiwillige Krankenversicherungen, Rezeptgebühren, Selbstbehalte, nicht von der Sozialversicherung erstattete Arzthonorare und rezeptfreie Medikamente.

Damit wird deutlich:

Private Finanzierung ist kein Randphänomen, sondern bereits heute ein relevanter Bestandteil der Finanzierung unseres Gesundheitssystems.

Diese Realität sollte auch in der gesundheitspolitischen Debatte stärker berücksichtigt werden.

 

Private Versorgung entlastet öffentliche Strukturen

Besonders sichtbar wird das Zusammenspiel zwischen öffentlicher und privater Versorgung bei Wahlärztinnen und Wahlärzten sowie Privatspitälern.

Wahlärztinnen und Wahlärzte übernehmen insbesondere dort Versorgung, wo Patientinnen und Patienten im Kassensystem nicht zeitgerecht einen Termin erhalten oder bestimmte Leistungen nicht ausreichend verfügbar sind, wie zum Beispiel in der Gynäkologie und Nuklearmedizin.

Ähnliches gilt für Privatspitäler. Über den Privatkrankenanstalten-Finanzierungsfonds (PRIKRAF) werden medizinisch notwendige Leistungen für sozialversicherte Patientinnen und Patienten in privaten Krankenanstalten finanziert. Dazu zählen beispielsweise planbare Hüftoperationen, Kataraktoperationen oder Leistungen der Geburtshilfe.

Diese Leistungen sind Teil der realen medizinischen Versorgung Österreichs.

Wer über eine Reform des Gesundheitssystems spricht, sollte deshalb nicht nur darüber diskutieren, wie öffentliche Kapazitäten ausgebaut werden können, sondern auch darüber, wie bereits vorhandene private Kapazitäten sinnvoll in eine gemeinsame Versorgungsplanung einbezogen werden können.

 

 

 

 

Ein starkes Kassensystem und ein leistungsfähiger privater Bereich sind kein Widerspruch

Die Anerkennung der Bedeutung privater Medizin bedeutet nicht, das öffentliche Gesundheitssystem zu schwächen.

Im Gegenteil: Das Ziel muss weiterhin ein starkes, attraktives und leistungsfähiges Kassensystem sein, das eine hochwertige medizinische Versorgung unabhängig vom Einkommen gewährleistet.

Gerade deshalb müssen bestehende Probleme im Kassenbereich offen angesprochen werden. Wenn die Nachfrage nach medizinischen Leistungen schneller wächst als das öffentlich finanzierte Angebot, entstehen Versorgungslücken.

Diese verschwinden nicht dadurch, dass man private Medizin grundsätzlich infrage stellt.

Wenn das öffentliche Versorgungsangebot nicht entsprechend der steigenden Nachfrage ausgebaut werden kann, wird der private Bereich zwangsläufig einen Teil dieser Versorgung übernehmen.

Die gesundheitspolitische Aufgabe besteht deshalb darin, beide Entwicklungen gemeinsam zu betrachten: den öffentlichen Bereich nachhaltig abzusichern und gleichzeitig jene privaten Ressourcen sinnvoll einzubinden, die bereits vorhanden sind.

 

 

 

 

Zusatzversicherungen als Teil der Gesundheitsfinanzierung anerkennen

Auch freiwillige private Zusatzversicherungen spielen dabei eine Rolle.

Sie ermöglichen zusätzliche Leistungen und mobilisieren private Mittel für die Gesundheitsversorgung. Diese Mittel sollten nicht isoliert vom übrigen Gesundheitssystem betrachtet werden.

Vielmehr stellt sich die Frage, wie Leistungen aus privaten Zusatzversicherungen künftig stärker mit bestehenden öffentlichen Strukturen verbunden werden können.

Dazu können beispielsweise die Etablierung ambulanter Sonderklasseleistungen oder der Ausbau entsprechender Sonderklasse Angebote in öffentlichen Krankenanstalten gehören.

Wenn zusätzliche private Mittel vorhanden sind, sollte gesundheitspolitisch darüber nachgedacht werden, wie diese so eingesetzt werden können, dass davon auch die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems profitiert.

 

 

Gesundheitsreform braucht alle verfügbaren Ressourcen

Die Herausforderungen unseres Gesundheitssystems sind zu groß, um vorhandene medizinische Ressourcen aufgrund ihrer Organisations- oder Finanzierungsform ungenutzt zu lassen.

Mehr Primärversorgung, Digitalisierung, Tageskliniken, leistungsfähige Spitäler, attraktive Kassenstellen und private medizinische Angebote sollten deshalb nicht als voneinander getrennte Projekte betrachtet werden.

Sie müssen Teil einer gemeinsamen Versorgungsstrategie sein.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Österreich künftig mehr öffentliche oder mehr private Medizin braucht. Die entscheidende Frage lautet, wie wir alle verfügbaren Ressourcen so organisieren, dass die Bevölkerung bestmöglich versorgt wird.

 

 

 

 

Versorgung entlang der Menschen denken

TS Wien setzt sich für ein Gesundheitssystem ein, das Versorgung nicht primär entlang von Zuständigkeiten, Finanzierungstöpfen oder der Unterscheidung zwischen öffentlich und privat denkt, sondern entlang der tatsächlichen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten.

Dazu gehören für uns:

  • ein starkes und nachhaltig finanziertes öffentliches Gesundheitssystem
  • ein attraktives und leistungsfähiges Kassensystem
  • die Anerkennung des privaten Gesundheitssektors als relevanter Bestandteil der bestehenden Versorgung
  • eine stärkere und strukturierte Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Leistungserbringern
  • die sinnvolle Nutzung zusätzlicher privater Finanzierung für die Gesundheitsversorgung
  • die Etablierung ambulanter Sonderklasseleistungen
  • der Ausbau von Sonderklasse Angeboten in öffentlichen Spitälern
  • eine stärkere Einbindung jener Ärztinnen und Ärzte, die täglich im Gesundheitssystem arbeiten

Öffentlich und privat dürfen nicht länger als Gegensätze gedacht werden. Österreich braucht ein starkes öffentliches Gesundheitssystem – und gleichzeitig den Mut, private Ressourcen dort einzubinden, wo sie Versorgung verbessern und öffentliche Strukturen entlasten können.

Denn für Patientinnen und Patienten sollte am Ende nicht entscheidend sein, wer eine medizinische Leistung erbringt, sondern dass sie rechtzeitig, qualitativ hochwertig und am medizinisch richtigen Ort erbracht wird.