Von Lisa Leutgeb

Meinen ersten Kontakt mit der Ärztekammer hatte ich, wie viele andere auch, im Zuge meines Eintrags in die Ärzt:innenliste. Ich war motiviert, mich etwas intensiver mit der Organisation, in der ich nun Mitglied bin, auseinanderzusetzen. Leider habe ich aber schnell festgestellt, dass es für mich, trotz regen Interesses, äußerst schwierig war, nützliche Informationen beziehungsweise ein Basiswissen zu Struktur und Funktion der Ärztekammer sowie zum Wohlfahrtsfonds zu bekommen.

Informationen zum Aufbau der Ärztekammer, konkret dass diese aus zwei verschiedenen Kurien – jene der angestellten sowie jene der niedergelassenen Ärzt:innen – besteht, welche sich noch einmal in jeweils zwei weitere Sektionen unterteilen, findet man rasch auf der Homepage. Gleiches gilt für die Existenz einer Vollversammlung sowie eines Präsidiums, eines Präsidenten sowie eines Vorstands. Was die Ärztekammer im Konkreten für mich und meine Kolleg:innen tut und woran gerade gearbeitet wird, war für mich jedoch schwer herauszufinden.

So gibt es in der Ärztekammer beispielsweise über 75 verschiedene Referate – vom Referat für medizinische Fortbildung über das Referat für Schulärzt:innen bis hin zum Referat für Umweltmedizin. All diese Gremien treffen sich zu Sitzungen und arbeiten an diversen für uns wichtigen Themen. Durch die Veröffentlichung der Tätigkeitsberichte auf der Homepage der Ärztekammer wurde unter Präsident Thomas Szekeres ein wichtiger Schritt in Richtung Transparenz gesetzt. Jedoch bleiben Protokolle zur Teilnahme an Sitzungen sowie zum Abstimmungsverhalten weiter unveröffentlicht. Das ist schade, zumal gerade eine Organisation, deren Mitgliedschaft verpflichtend ist, besonders in der Pflicht stehen sollte, ihre Mitglieder über sämtliche Tätigkeiten möglichst umfassend zu informieren. Da für die Arbeit, die die Kolleg:innen in all diesen verschiedenen Gremien erledigen, auch Geld ausbezahlt wird, wäre es wichtig, sowohl den Outcome der Arbeit als auch die dafür nötigen Aufwendungen so transparent wie möglich zu gestalten.

Spricht man erfahrenere Kolleg:innen auf den Wohlfahrtsfonds an, hört man sowohl: „Um Gottes Willen, lass mich damit bloß in Ruhe!“, als auch „wenn du den Wohlfahrtsfonds verstehen würdest, würdest du sogar Punkte nachkaufen, weil das wirklich eine gute Sache ist.“ Leider habe ich das Gefühl, dass dieses komplexe Thema von alleine schwierig zu verstehen ist. So bin ich, wie wahrscheinlich viele andere Kolleg:innen auch, nach einigen Monaten erst einmal ratlos vor dem gelben Zettel gesessen, der meine Bezüge von vor drei Jahren wissen wollte. Die Serie zur Erklärung des Wohlfahrtsfond in „Doktor in Wien“ auf die mich unser Präsident dann hingewiesen hat, hat vieles erklärt. Information in dieser Form sollte regelmäßiger veröffentlicht und leichter zu finden sein. 

Dass der Wohlfahrtsfonds nicht nur eine Pensionszusatzversicherung darstellt, sondern viele andere Leistungen (Invaliditäts-, Witwer-, Witwen- und Waisenversorgung sowie Partusgeld, Kinderunterstützung und Krankenunterstützung) bietet, und was das für mich langfristig bedeutet, wurde mir durch den kleinen Flyer, der mir nach meiner Eintragung überreicht worden war, leider auch nicht bewusst. Diesen Flyer würden wir in Zukunft also gerne überarbeiten und vervollständigen. Noch besser wäre freilich die Digitalisierung dieser Information bis hin zu einer App, die alle Fragen beantwortet und in der man die Daten der Vorjahre melden und die jeweiligen derzeitigen Ansprüche auch sehen kann. 

Wir leben in einem Zeitalter, in welchem Informationen schnell und einfach zugänglich gemacht werden können. Gerade eine Organisation wie die Ärztekammer hat enormes Potenzial, ihren Mitgliedern durch Digitalisierung und Transparenz ein noch viel inklusiveres und besser auf sie zugeschnittenes Angebot zu liefern. Niemand, der etwas leistet, muss sich für seine Leistung verstecken. Wir alle können von einem Mehr an Information nur profitieren. Schließlich leben Organisationen gerade von der Partizipation und dem Interesse ihrer Mitglieder. Genau das können wir in den kommenden Jahren umsetzen und erreichen, wenn wir uns vornehmen, die Mitglieder von Anfang an über Struktur, Angebote und Arbeitsweise der Ärztekammer noch ausführlicher und transparenter zu informieren.

Wir vom Team Szekeres sind jedenfalls bereit dafür.

Marlene Sachs Team Thomas Szekeres
Von Marlene Sachs
Dr. Nina Böck im Team Szekeres
und Nina Böck

Angesichts des bereits jetzt drohenden Mangels an Hausärzt:innen fragen wir uns, warum die Ausbildung der Jungmediziner:innen immer noch vernachlässigt wird. Nach einem Jahr Turnusärzt:innen-Vertretung und fast am Ende unserer Ausbildung angekommen, möchten wir sowohl unsere eigenen als auch die Erfahrungen unserer Kolleg:innen Revue passieren lassen. Wir konzentrieren uns in diesem Artikel auf die derzeitige Situation der Turnusärzt:innen in der Basisausbildung und der Allgemeinmedizinausbildung in Wien.

Der harte Anfang

Topmotiviert vom KPJ und mit viel theoretischem Wissen ausgestattet, startet das Gros der Medizinabsolvent:innen mit dem Turnus. Schon bei der ersten Morgenbesprechung wird ihnen die strenge Hierarchie, die im Krankenhaus herrscht, vor Augen geführt. Am Besprechungstisch sitzen nur Oberärzt:innen und Assistenzärzt:innen. Die Turnusärzt:innen quetschen sich in die hinterste Reihe, und Neuzugänge werden oft nicht einmal begrüßt.

Spätestens bei der Dienstplaneinteilung wird den Turnusärzt:innen klar, dass sie die Letzten in der Nahrungskette sind. An vielen Abteilungen suchen sich zuerst die Assistenzärzt:innen ihre Dienste aus, die Turnusärzt:innen übernehmen die übrig gebliebenen Tage (meist die Wochenenden). Komplett neu in der Arbeitswelt, traut sich kaum jemand zu widersprechen. Einige Rotationen später wird den meisten Jungmediziner:innen bewusst, dass sie hart für ihre Rechte kämpfen müssen, um im Krankenhausalltag zu bestehen.

Keine Zeit für adäquate Ausbildung

Die Einschulung an einer neuen Station wird quasi nie von Mitarbeiter:innen innerhalb der Abteilung durchgeführt, sondern in der Regel von anderen Turnusärzt:innen, die oft selbst nur einen Monat mehr an Erfahrung in dem jeweiligen Fach aufweisen. An manchen Abteilungen gibt es überhaupt keine Einschulung, und es wird von Tag eins an erwartet, als vollwertige Arbeitskraft einsetzbar zu sein.

Hinzu kommt, dass oftmals der halbe Tag mit Tätigkeiten zugebracht wird, die nur wenig zur medizinischen Ausbildung beitragen. So sind in der Früh die Blutabnahmen und Venflons, die „die Pflege nicht geschafft hat“ zu erledigen. Anschließend werden die Entlassungsbriefe diktiert. Während der Visite sind Turnusärzt:innen fast ausschließlich für administrative Tätigkeiten zuständig, für die sie sicher nicht sechs Jahre lang Medizin studieren müssten. Dazu zählen telefonische und schriftliche Anmeldungen von Untersuchungen, Schreiben von Konsilen und Aufklärungen über MRTs und CTs. So vergeht die Zeit bis 13 Uhr oft ohne tatsächlich ärztlich tätig gewesen zu sein. 

Nervös durch die Nacht

Häufig absolvieren Turnusärzt:innen aufgrund von Personalknappheit gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit an der neuen Abteilung den ersten Nachtdienst. Eine Einschulungszeit fehlt dann gänzlich. Im Gegensatz zum geistig eher wenig herausfordernden Vormittag wird im Dienst von den angehenden Allgemeinmediziner:innen erwartet, Notfälle auf der Station oder in der Ambulanz mit dem Know-how einer erfahrenen Assistenzärzt:in zu behandeln, ohne jemals dafür ausgebildet worden zu sein. Patient:innen, die in der Nacht ins Krankenhaus kommen, erwartet dann in den Fachambulanzen statt einem Facharzt oder einer Fachärztin oft ein überforderter Turnusarzt oder eine überforderte Turnusärztin. Hilfe der zuständigen Oberärzt:innen sollte möglichst keine in Anspruch genommen werden. Wagen es die Jungärzt:innen doch, deren Nachtruhe zu stören, werden sie nicht selten gemaßregelt und müssen sich rechtfertigen. 

Und alle drei Monate grüßt das Murmeltier

Am Ende einer Rotation haben es die meisten Kolleg:innen trotz dieser widrigen Bedingungen geschafft, sich selbst die notwendigen Skills anzueignen. Ein Gefühl der Teamzugehörigkeit entsteht, die Namen der Ärzt:innen und Pflege sind geläufig, und ein bevorstehender Nachtdienst verursacht keine Panik mehr.

Doch kaum haben Turnusärzt:innen während ihrer Ausbildung einmal diesen Punkt erreicht, geht das Spiel erneut von vorne los. Neue Abteilung, neue Kolleg:innen, neue Regeln. Somit sind angehende Allgemeinmediziner:innen für die Dauer ihrer gesamten Ausbildung nie wirklich Teil eines Teams, leisten aber essenzielle Arbeit, ohne die das System zusammenbrechen würde. Mit jedem Abteilungswechsel müssen sie sich neu anpassen und beweisen. Wertschätzung bekommen sie dafür nur selten, gleichzeitig ist dieser Alltag äußerst zermürbend.

Es gibt Lichtblicke

Zum Glück können auch positive Beispiele genannt werden. Hierbei handelt es sich um Abteilungen, bei denen Turnusärzt:innen länger bleiben oder nicht weiterrotieren wollen, weil sie dort viel lernen: Oberärzt:innen, die um Mitternacht komplexe internistische Fälle besprechen, Primari:ae, die tatsächlich Einführungs- und Abschlussgespräche führen und auch die Ausbildungsärzt:innen namentlich kennen, Assistenzärzt:innen, die regelmäßige Fortbildungen halten, Ambulanzdienste mit guter Supervision und Dienstplanverantwortliche, die Rücksicht auf (Urlaubs-)Wünsche nehmen. Leider stellen diese Abteilungen und Ärzt:innen die Ausnahme und nicht die Regel dar.

Unser Dank gilt an dieser Stelle all jenen, die uns auf unserem Weg den Rücken gestärkt und fachlich ausgebildet haben. Sie haben es durch ihr Handeln (menschlich und fachlich) geschafft, zu echten Vorbildern für uns zu werden.

Fazit

Aufgrund der oben genannten Missstände wird der Turnus in Wien für Medizinabsolvent:innen immer unattraktiver. Viele unserer Kolleginnen weichen ins Ausland oder in andere Bundesländer aus. Um die Allgemeinmedizin aufzuwerten, muss vor allem bei der Ausbildung angesetzt werden. Hier herrscht unserer Meinung nach dringender Handlungsbedarf.

Unsere Forderungen

– Ein:e Mentor:in an jeder Abteilung, der:die nicht nur am Papier jederzeit für Fragen und Probleme zur Verfügung steht

– Sinnvolle Gestaltung des Logbuchs mit realistischen Lernzielen

– Ein Ausbildungskonzept und eine:n Ausbildungsbeauftragte:n, der:die neue Turnusärzt:innen in den ersten Tagen einschult

– Ausreichende fachliche und zeitliche Vorbereitung auf den ersten Nachtdienst

– Konsequente Vidierung von Patient:innen, die in der Ambulanz gesehen werden

– Regelmäßige abteilungsinterne Fortbildungen speziell für Turnusärzt:innen

– Eigene Patient:innen-Führung (Visite) unter Supervision

– Stationssekretär:innen zur Reduktion der administrativen Arbeit

– Reevaluation von in der Vergangenheit reduzierten Diensträdern

– Maximal 60 Betten pro Turnusärzt:in im Dienst

– Vorausschauende Urlaubsplanung (hausübergreifend)

– Springerdienste.

Berichtende Ärztinnen: Marlene Sachs und Nina Böck (vormals Matyas)

Von Philipp Knasmüller
Thomas Szekeres für die Ärztekammerwahl Wien 2022
und Thomas Szekeres

Die andauernde psychische Belastung durch die Corona-Pandemie geht an Patient:innen und Ärzt:innen nicht spurlos vorbei. Laut einer aktuellen Publikation in „The Lancet Psychiatry“ litt nahezu ein Viertel (23.9 %) der an Covid-19 erkrankten Patient:innen innerhalb eines halben Jahres an einer Angststörung, affektiven oder psychotischen Störung – in 8,2 % der Fälle als Erstdiagnose.

Den steigenden Patient:innenzahlen steht ein sukzessiver Personalmangel entgegen – seit Jahren fehlt es an Fachärzt:innen und Ärzt:innen in FA-Ausbildung. Diese absehbare Entwicklung kulminiert in der aktuellen Mangelversorgung, die insbesondere im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Versorgung der Jüngsten unserer Gesellschaft, eklatante Ausmaße und für Patient:innen und Ärzt:innen unzumutbare Zustände annimmt. Es wurden bereits Gefährdungs- und Überlastungsanzeigen eingebracht, Wartezeiten für Behandlungen ohne „akute Gefährdung“ steigen oder werden gänzlich in den niedergelassenen Bereich abgeschoben, beträchtliche Pensionierungswellen von Psychiater:innen stehen bevor, und durch den massiven FÄ-Mangel ist es den Ausbildungsverantwortlichen erheblich erschwert die erforderlichen Ausbildungsbedingungen zu gewährleisten.

Systemischer Mangel trotz Mangelfachverordnung

Die Fächer „Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin“ und „Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin“ sind bereits 2015 durch das Gesundheitsministerium zu „Mangelfächern“ erklärt worden. Im aktuellen Rechnungshofbericht zur Ärzteausbildung (Dezember 2021) werden abermals die erhebliche Unterversorgung und die zu geringe Anzahl an psychiatrischen Fachärzt:innen beschrieben. Trotz der offenkundigen Missstände konnten laut RH-Überprüfung seit Inkrafttreten der Mangelfachverordnung österreichweit (!) nur 30 zusätzliche Ärzt:innen (7.7 %) überzeugt werden, die Ausbildung in den beiden Mangelfächern zu beginnen.
Folglich drängt der Rechnungshof, bei unzulänglichen Ausbildungskapazitäten „Maßnahmen für eine wirksame, bedarfsorientierte Nachwuchssteuerung zu erarbeiten“.

Entgegen der Zielsetzung sehen sich Ärzt:innen in psychiatrisch-fachärztlicher Ausbildung mit äußerst unattraktiven Arbeits- und Ausbildungsbedingungen konfrontiert!
Neben der psychiatrischen Ausbildung ist die psychotherapeutisch-medizinische Ausbildung eine fundamentale Säule des fachärztlichen Kompetenzerwerbs und unerlässlich für die ärztliche Betreuung psychiatrischer Patient:innen.  Entsprechend der Ärzteausbildungsordnung sind eine fundierte theoretische und vertiefend-praktische Ausbildung in psychotherapeutischer Medizin Pflichtbestandteile der Fachärzt:innenausbildung. Eben diese Pflichtbestandteile (!) der Ausbildung werden jedoch nicht als Dienstzeit gerechnet, um auf supranationaler Ebene erstrittene Höchstgrenzen der Arbeitszeit zu umgehen, und müssen häufig an Wochenenden und Abenden in der Freizeit geleistet werden.

Fachärzt:innen, die den dringenden Personalmangel an den psychiatrischen Abteilungen ausgleichen sollen, müssen zuvor hunderte Arbeitsstunden – zumindest 590 Ausbildungseinheiten und 125 Stunden psychotherapeutisch-medizinischer Patient:innenführung unter Supervision, samt detaillierter Dokumentation und Fallvorstellungen – unentgeltlich leisten. Lediglich 80 Ausbildungseinheiten und Dienststunden werden für Auszubildende an psychiatrischen Abteilungen des Wiener Gesundheitsverbundes regulär finanziert.

Zusätzlich zu dem zeitlichen Aufwand müssen die Kosten für Vortragende, Supervidierende sowie deren Organisation (in Höhe von meist > 15 000 €/ Ärzt:in) durch die Auszubildenden selbst getragen werden, und es gibt nur mangelhafte Kompensationskonzepte. Somit werden die als Ausbildungsstätten anerkannten Wiener Spitäler ihrer Verpflichtung zur Gewährleistung der fachlichen Erfordernisse nicht gerecht!

Wir stellen klar: Ausbildungszeit ist Dienstzeit!

Wir fordern die umgehende sowie vollständige Anrechnung der verpflichtend zu absolvierenden Ausbildungszeiten als Dienstzeit!
Um zusätzliche Ärzt:innen für die Ausbildung in den Mangelfächern „Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin“ und „Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin“ zu gewinnen, sind eine bessere Finanzierung der Ausbildung, eine Mangelfachzulage für Ärzt:innen in Ausbildung und Fachärzt:innen sowie flexiblere, familienfreundliche Arbeitszeitmodelle erforderlich!

In den letzten Jahren hat sich klar gezeigt, dass es im Rahmen der Bemühungen zur Geschlechtergleichstellung einer tiefergehenden Veränderung eines traditionell gewachsenen weiblichen Rollenbilds bedarf. 

Von Kurt Frey
Noufah Badi im Team Thomas Szekeres für Ärztekammerwahl in Wien 2022
und Noufah Badi

So ist es nicht ausreichend, Führungspositionen für Frauen bloß zugänglich zu machen. Vielmehr bedarf es einer aktiven Begleitung und Unterstützung bei der Entwicklung eines Selbstverständnisses sowie eines neuen zeitgemäßen Rollenbilds, um die Bereitschaft von Frauen, sich in verantwortungsvollen Funktionen zu engagieren, zu heben.

Auf Initiative des Referats für Gender Mainstreaming und Diversity Management rief die Wiener Ärztekammer im Herbst 2020 als diesbezügliches Pilotprojekt ein Mentoringprogramm ins Leben.

Dieses setzt drei Schwerpunkte:

  1. Den Kern des Mentorings bildet eine individuelle, zielgerichtete Patenschaft zwischen Mentorin und Mentee. Als Mentorin fungiert dabei eine berufserfahrene Ärztin in gehobener Position, die über einen festgelegten Zeitraum gezielt die Entwicklung einer Nachwuchskraft unterstützt und fördert.
  2. Die Mentees, junge Ärztinnen, entwickeln und stärken in Workshops und Einzelcoachings ihre persönlichen Kompetenzen und erarbeiten ein zeitgemäßes Rollenbild.
  3. Netzwerken als Karriereförderung: Wie Erfahrungen in anderen Bereichen gezeigt haben, sehen Frauen den Nutzen von Netzwerken mehr auf privater Ebene als im beruflichen Kontext. Ziel ist es also, den Nutzen männlich dominierter Netzwerke in solche mit entsprechender Beteiligung von Frauen zu integrieren.

Das gegenständliche Pilotprojekt ist auf ein Jahr befristet und wird nach Abschluss evaluiert.

Das Team Szekeres wird sich dafür einsetzen, dass Mentoring für Frauen auch nach der Ärztekammerwahl 2022 in zielgerichteten Projekten fortgeführt und ausgebaut wird. Wir betrachten dies als einen fundamentalen Baustein, der es ermöglicht, junge Ärztinnen im Beruf zu halten und somit dem demografischen Wandel in unserem Berufsstand entgegenzuwirken.

EU-Beschwerde und Flexibilisierung der Dienstzeiten im WIGEV

Marina Hönigschmid für das Team Szekeres Ärztekammerwahl Wien 2022
Von Marina Hönigschmid

Direkt nach meinem Studium musste ich beruflich zunächst nach Oberösterreich, zumal man in Wien jahrelang auf einen Turnusplatz warten musste. Nach nur sechs Tagen absolvierte ich bereits den ersten Nachtdienst auf der Chirurgie und Unfallchirurgie. Eine entsprechende Einschulung durch Kolleg:innen gab es nicht. Ein Pfleger erklärte mir beim ersten Patienten, wo die Fraktur am Röntgenbild zu sehen und wie der Gips anzulegen ist. Er war es auch, der mir die unfallchirurgische Dokumentation erklärte. Der diensthabende Oberarzt war teilweise gar nicht im Haus. Um 16 und um 20 Uhr erfolgten dann zwei Spritzenrunden: Die Pflege saß beim Kaffee, die Antibiotika musste ich mir selbst mischen, da ich eine halbe Stunde zu spät aus der Ambulanz auf die Station gekommen war. Dann kam der nächste Pieps: „Komm bitte hinunter, der nächste chirurgische Patient wartet in der Ambulanz auf dich.“ So ging das 25 Stunden durchgehend – bis zu dreimal pro Woche, wenn eine Kollegin oder ein Kollege ausgefallen waren.

Keine Verbesserungen in Sicht

Am nächsten Tag ging es dann nach Hause, wo man sich fühlte, als wäre man von einem LKW überfahren worden. Zur körperlichen Anstrengung kam damals natürlich auch die fachliche Überforderung hinzu. So ging die Freude an der ärztlichen Tätigkeit rasch verloren. Denn nur alleine anwesend zu sein und zwischen den Abteilungen hin und her zu rasen, ergibt keine gute Ausbildung. Als ich später in Wien den Turnus weiterverfolgte, fragte ich in der Generaldirektion des damaligen KAV nach, wie man die anstrengenden 25-Stunden-Dienste entlasten und die vielen Wochenstunden herabsetzen könnte. Es gab dabei jedoch keine Aussicht auf Verbesserungen. Auch der Zentralbetriebsrat konnte mir nicht helfen.

Nach zahlreichen Bewerbungen ergatterte ich schließlich die ersehnte Ausbildungsstelle für Gynäkologie und Geburtshilfe. In der Zwischenzeit hatte ich bereits drei kleine Kinder bekommen. Ich bat meinen damaligen Chef um ein Ausbildungsgespräch. Dabei verlangte ich Struktur: Ich wollte wissen, wann ich wo eingeteilt werde und was von mir erwartet wird. Es gab kein Gespräch. Der Dienstplan musste stehen. Für Kinder benötigt man ein extrem gutes Zeitmanagement. Ich wollte die Kinder nicht „für den Babysitter“ bekommen haben, sondern mit ihnen Zeit verbringen, sie erziehen und natürlich gleichzeitig meine Ausbildung weiterverfolgen. Beides unter einen Hut zu bringen, war extrem schwierig. Das geht nur bei maximaler Effizienz. Damals wurde ich zufällig gefragt, ob ich mich in der Ärztekammer engagieren möchte. Ich war schon immer jemand, der Missstände aufgezeigt hat, und wurde schließlich als Mandatarin in die Wiener Ärztekammer gewählt.

Wer kümmert sich um meine Kinder?

Nach drei sehr anstrengenden Diensten binnen einer Woche auf der Geburtshilfe, in denen ich Kreissaal, Notfallambulanz und präpartale bzw. Wochenbettstation alleine zu betreuen hatte (mein Oberarzt war im Hintergrund verfügbar), saß ich völlig fertig und weinend zuhause am Sofa. Wieder einmal hatte ich von der Schule den Anruf erhalten, dass meine Tochter alleine auf der Straße steht und auf mich wartet. Ich war kaputt, unerträgliche Kopfschmerzen machten sich breit, der ganze Körper tat einfach nur weh. Wenn ich in diesen vielen Stunden Arbeit – wir waren ja jeden Wochentag anwesend, immer wieder wochenlang durchgehend ohne einen freien Tag – doch wenigstens mit dem Ausbildungsfortschritt zufrieden gewesen wäre. Was jedoch nicht der Fall war, zumal ich einfach zu viele leere Kilometer im Dienst – ein Venflon da, ein auszufüllender Zettel dort – machen musste. Dazwischen waren unzählige Entlassungsbriefe anzufertigen, dann erfolgte wieder eine stressige Geburt. Monatelang war ich in der gleichen Ambulanz eingeteilt – ohne Supervision und von der Pflege eingeschult. Ich saß also am Sofa und dachte mir: Warum hilft uns jungen Ärzt:innen niemand? Warum müssen wir uns in einem Beruf, in welchem es um Gesundheit geht, selbst kaputt machen? Warum müssen wir derart um Ausbildung und jede Minute Ruhe im Dienst kämpfen? Immer wieder aufgrund von Krankenständen in Dienste einspringen zu müssen, war ebenfalls belastend für das Arbeitsklima. Man erfuhr in der Morgenbesprechung, dass man bis zum nächsten Tag bleiben muss. Wer kümmert sich dann um die Kinder? Mein Mann hatte zu dieser Zeit ebenfalls einen sehr zeitintensiven Job.

Aus der Not eine Tugend gemacht

Da kam ich in meinen Gedanken unter anderem auf die Europäische Union (EU), die bekanntlich so ziemlich alles regelt – sogar die Länge von Gurken. Ich begann im Internet zu recherchieren und fand heraus, dass es in der EU eine Arbeitszeitrichtlinie gab, die auch für Ärzt:innen galt. Österreich hatte diese Regelung im KA-AZG (Krankenanstaltenarbeitszeitgesetz) einfach nicht gemäß einem Urteil des EuGH („Jäger-Urteil“) umgesetzt. Vor allem der Umstand, dass eine freiwillige Überschreitung der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 48 Stunden in Österreich nur von der Arbeitnehmer:innenvertretung und nicht von jeder Ärztin bzw. jedem Arzt einzeln unterschrieben werden konnte, widersprach auch für mich als rechtliche Laiin sehr offensichtlich dem EU-Recht. Mit juristischer Hilfe habe ich dann eine EU-Beschwerde gegen das illegale österreichische Gesetz verfasst. Da die Beschwerde beträchtliche Auswirkungen auf das Gesundheitswesen haben und auch negativ angelastet werden konnte, bat mich meine Familie, diese nicht selbst einzureichen. Nach einigen Monaten fand ich eine Person, die mutig genug war, die Beschwerde mit ihrer Unterschrift einzureichen: Der bekannte Gesundheitsökonom Dr. Ernest Pichelbauer tat dies ohne Risiken zu scheuen.

Der Rest ist dann bereits offiziell. Nach zwei Jahren Bearbeitungszeit und Prüfung durch die EU drohten Österreich wegen der von mir verfassten Beschwerde plötzlich Strafzahlungen in Millionenhöhe. Der damals für das Gesetz zuständige Sozialminister Hundstorfer konnte sogar die EU-Richtlinie über ein neues KA-AZG im Jahr 2015 umsetzen, ohne den Konsultationsmechanismus der Bundesländer fürchten zu müssen. Das heißt, dass sich die Bundesländer nicht wegen der EU-Beschwerde für entstehende Mehrkosten am Bund schadlos halten konnten. Das Gesetz wurde letztendlich nach mehreren Jahren Übergangsfrist sogar arbeitnehmer:innenfreundlicher als es die EU vorsieht. Leider hat die Politik die vergangenen Jahre jedoch wieder untätig verstreichen lassen. Das Opt-Out wäre jetzt in ganz Österreich ausgelaufen, die Bundesregierung hat es auf Wunsch und Betreiben der Bundesländer verlängert. Frei nach dem Motto: Die Ärzt:innen machen das schon zusätzlich, die paar Überstunden kommen dem Staat günstiger als endlich entsprechende Personalressourcen und Entlastung durch technischen Fortschritt zu schaffen.

Es gibt weiterhin viel zu tun

Auch das Problem der ungesteuerten Patient:innenströme in die Krankenhäuser bleibt weiterhin ungelöst. Die Hotline 1450 reicht hier einfach nicht. Dafür bleibt weiter die Finanzierung des Gesundheitswesens aus verschiedenen Töpfen für Spitäler und den niedergelassenen Bereich verantwortlich. Mittlerweile wollen laut Umfragen bereits über 80 Prozent der Kolleg:innen kein Opt-Out von der maximalen Arbeitszeit von 48 Stunden pro Woche unterschreiben. Vor allem die junge Ärzt:innengeneration fordert für die Arbeitszeit auch ein entsprechendes Ergebnis (Outcome) – also eine solide Ausbildung. Auch die jungen männlichen Kollegen wollen Zeit für Familie und Freizeit haben. Immer mehr Kolleg:innen gehen nach der Ausbildung sofort in die Niederlassung oder ins Ausland. Den Spitälern fehlen bald die Kapazitäten, die wichtige Spitalsbehandlung als letzte Instanz anbieten zu können.

Mehr Personal und technischer Fortschritt dringend benötigt

Im Wiener WIGEV gibt es glücklicherweise kein Opt-Out, denn auch die Stadt Wien war von Anfang an dagegen. Als Vertreterin der angestellten Ärzt:innen Wiens konnte ich nach dem Streik 2016 in Gesprächen mit dem WIGEV ein flexibles Dienstzeitmodell verhandeln. Dabei ist es möglich, 25-Stunden-Dienste einfach zu teilen. Das macht es einfacher, auf Ausfälle zu reagieren und die Dienstzeiten auf die Patient:innenströme, aber auch individuellen Bedürfnisse besser anzupassen. Leider beklagen viele Spitalsärzt:innen die erhöhte Arbeitsbelastung seit das neue Arbeitszeitgesetz 2015 eingeführt wurde. Ganz klar – die fehlenden Stunden müssten durch mehr Personal, aber auch technischen Fortschritt ausgeglichen werden. Dies erfolgt nur langsam. Darum kämpfen wir in der Ärztekammer seit Jahren. Die Pandemie hat diese Fortschritte leider verzögert. Viele Kolleg:innen arbeiten seitdem wieder im Notfallmodus. Im Jahr 2016 habe ich zum Beispiel in der WIGEV-Generaldirektion gefragt, ob die Pflegeschüler:innen in der Personalbedarfsrechnung der Patient:innenversorgung miteingerechnet sind. Das war natürlich nicht der Fall, da sie noch in Ausbildung sind. Seither fordern wir als Ärztekammer, dass ein gewisser Prozentanteil in der Personalbedarfsrechnung nur Einschulung und Ausbildung zugerechnet wird.

Ein „Das-war-schon-immer-so“ ist nicht akzeptabel

Es freut mich persönlich sehr, dass das neue Arbeitszeitgesetz bei vielen Kolleg:innen gut ankommt und Bewegung in die Verbesserung der Arbeitsbedingungen gekommen ist. Für meine Initiative habe ich daher von der Wiener Ärztekammer auch ein Ehrenzeichen bekommen. Der Spruch „Das war halt schon immer so“ regte mich auf, und wir haben uns wirklich ein Stück weiterentwickelt. Das neue Arbeitszeitgesetz hat auch nichts mit Faulheit zu tun. Es sichert die Verbesserung der Lebensqualität von uns Ärzt:innen ab. Die Arbeit muss effizient mit weniger Zeitaufwand durch bessere Organisation und technischen Fortschritt möglich werden. Für uns, die Patient:innen sowie unsere Kinder, die eventuell auch Ärzt:innen werden wollen.

Von Katharina Hawlik
Marlene Sachs Team Thomas Szekeres
und Marlene Sachs

Bereits seit 2013 ist die Rede davon: Mit der neuen Ausbildungsordnung sollte eine Fachärztin bzw. ein Facharzt für Allgemeinmedizin kommen, die Ausbildung Allgemeinmedizin verbessert und die Allgemeinmedizin als solche attraktiviert werden. Ich hatte mein Studium damals noch nicht abgeschlossen, wusste aber bereits, dass ich auf diese neue Ausbildung und diese Fachärztin bzw. diesen Facharzt für Allgemeinmedizin unbedingt warten will. 

Dann kam die Ausbildungsordnung 2015 – aber leider wurden die Versprechungen nicht entsprechend in die Tat umgesetzt. Es gab weder den Titel der Fachärztin bzw. des Facharztes noch wurde der Turnus und damit die Ausbildung grundlegend verändert oder verbessert. 

Im Gegenteil, manche der Änderungen wirkten sich leider sogar negativ auf die Ausbildung Allgemeinmedizin aus: Zum Bespiel war es früher leicht möglich, bereits vor Beginn oder während des Spitalsturnus eine Rotation in einer Lehrarztpraxis zu absolvieren. Viele Kolleg:innen konnten auf diese Weise wichtige Einblicke in die Arbeitswelt der Allgemeinmedizin gewinnen und bekamen eine gute Vorbereitung auf den Klinikalltag. Durch das direkte Mentoring der Lehrpraxisärzt:innen wurde  es den jungen Kolleg:innen schmackhaft gemacht, sich auch langfristig für die Allgemeinmedizin zu entscheiden.

Derzeit ist die Absolvierung der Lehrpraxis nur mehr am Ende der Ausbildung möglich, und man erfährt erst nach einer 36-monatigen Ausbildung, wie das Berufsbild Allgemeinmedizin eigentlich aussieht. Auch das 1:1-Mentoring ist zu diesem Zeitpunkt ein anderes, zumal in diesem Stadium erwartet wird, dass die Kolleg:innen bereits gut durch die Spitäler ausgebildet wurden. Oft werden diese daher als zusätzliche und günstige Arbeitskräfte eingesetzt, die bereits selbständig arbeiten müssen. (Mehr dazu bereits in diesem Artikel zur Lehrarztpraxis)

Durch die Einführung der Basisausbildung gibt es nun einen neunmonatigen Common Trunk für alle Ärzt:innen in Ausbildung, der quasi einem Kurzturnus mit drei Rotationen gleichkommt. Dies hat aber nicht zu einer Verbesserung der Ausbildung geführt. Für die Ausbildungsärzt:innen geht die Basisausbildung einfach für weitere 27 Monate Spitalsturnus weiter, denn zwischen Ärzt:innen der Basisausbildung im ersten Ausbildungsjahr und Ärzt:innen in der Allgemeinmedizinausbildung im letzten Ausbildungsjahr wird leider hinsichtlich Aufgabenverteilung und Verantwortungsniveau kaum ein Unterschied gemacht. Dieser Umstand ist für die beinahe fertigen Allgemeinmediziner:innen frustrierend, zudem dürfte es damit nicht gelingen, jungen Ärzt:innen in Basisausbildung die Allgemeinmedizin schmackhaft zu machen. Warum sollte ich mich für eine Ausbildung entscheiden, in der ich nach drei Jahren immer noch die gleichen Routinetätigkeiten durchführen muss, die niemand machen will? 

Nun steht die Fachärztin bzw. der Facharzt für Allgemeinmedizin erneut im Koalitionsvertrag der Regierung, aber außer der bereits vereinbarten schrittweisen Verlängerung der verpflichtenden Lehrärzt:innenpraxis von sechs Monaten auf zunächst neun Monate (ab Ausbildungsbeginn 1.6.2022) und langfristig auf zwölf Monate ist bisher noch nicht viel bekannt.

Eine Verlängerung der Lehrärzt:innenpraxis, noch dazu nur am Ende der Ausbildung, ist jedoch nicht genug, um einer Fachärzt:innenausbildung zu gleichen. Ohne eine Verbesserung des Spitalsturnus und ohne einer Anpassung des Gehalts in der Lehrpraxis werden sich immer weniger Kolleg:innen für diese Ausbildung entscheiden. 

Wien hat sich dabei noch selbst eine Flanke geöffnet: So gibt es hier bereits jetzt zu wenige Lehrpraxisstellen, um allen Absolvent:innen einen Platz anbieten zu können. Ein Wechsel ins umliegende Bundesland ist de facto nicht möglich, da man dort in einem Krankenhaus angestellt sein muss, um die Lehrpraxis zu absolvieren. Im Gegensatz dazu ist dies in den WiGev-Häusern nicht möglich und führt aufgrund der fehlenden Nacht- und Wochenenddienste zu starken Gehaltseinbußen von mehr als 2000 Euro (mehr dazu hier). Das wollen und können sich viele fast fertige Allgemeinmediziner:innen nicht leisten. Folglich suchen sich diese andere Anstellungen oder wechseln letztlich doch noch in ein Fach. 

Doch auch der Wechsel von der Allgemeinmedizin in ein Fach ist im WiGev nicht möglich (im großen Unterschied zu anderen Fächern, wo dies aufgrund des Wegfalls der Gegenfächer oft praktiziert wird). Habe ich also mit der Allgemeinmedizinausbildung begonnen, kann ich für die gesamte Zeit meiner Ausbildung offiziell nicht mehr in ein anderes Fach wechseln. Inoffiziell ist es möglich, wenn es sich dabei um ein Mangelfach handelt oder sich Primaria besonders für jemanden einsetzten – selbst dann ist dieser Vorgang jedoch schwierig und mit viel Unsicherheit verbunden. Für Jungärzt:innen, die sich für die Allgemeinmedizin interessieren, wird die Ausbildung dadurch leider nicht attraktiver. Eine Ausbildung, an die ich für drei Jahre gebunden bin, und die mich nicht wechseln lässt, wirkt einschränkend, noch dazu, wenn man nicht weiß, was einen am Ende in der Praxis erwartet. Zudem fühlt es sich so an, als wäre man im Topf derer übriggeblieben, die keine andere Wahl hatten. 

Nicht nur der Wechsel ist schwierig: Sollte man diesen schaffen, kommt hinzu, dass die Ausbildung Allgemeinmedizin nicht mehr auf andere Fächer anrechenbar ist. Bei einem Wechsel ins Fach Innere Medizin werden die neun Monate Innere Medizin des Turnus nicht angerechnet, da man ja „nur“ im Turnus Allgemeinmedizin ist. Umgekehrt würden allerdings bei einem Wechsel vom Fach Innere Medizin in die Allgemeinmedizin die Monate Innere Medizin angerechnet werden. Will ich eine solide und gute Ausbildung für Innere Medizin, aber langfristig in der Allgemeinmedizin tätig sein, ist es in Wien besser, ich starte eine Ausbildung für Innere Medizin und wechsle nach zwölf Monaten in den Turnus Allgemeinmedizin. Denn leider trifft die Formulierung „nur Turnus“ den Nagel auf den Kopf: Im Turnus sind wir für jene Dinge zuständig, die in der Routinearbeit übrigbleiben, für die sich niemand zuständig fühlt bzw. die niemand machen will. Eine solche Unterscheidung der Tätigkeiten der Ärzt:innen in Ausbildung, die von den Ausbildungsjahren unabhängig ist, dafür vielmehr von der Ausbildung selbst (Allgemeinmedizin oder Fach) abhängt, gibt es in anderen Ländern nicht. Waren es während der Covid-Pandemie die Covid- Abstriche, sind es in Nicht-Pandemiezeiten Routineaufnahmen, Schreibarbeiten in Papierkurven, Entlassungsbriefe etc. In die Ambulanzen kommen wir gerade auf internen Abteilungen kaum, obwohl genau das jene Arbeit wäre, die für die Allgemeinmedizin relevant ist: Wie stelle ich einen Blutdruck richtig ein, wie entwickle ich ein Insulin-Schema, welche Alarmglocken müssen bei onkologischen Patient:innen in der Allgemeinmedizin läuten? 

Mir war bereits früh in der Ausbildung klar, dass Allgemeinmedizin jenes Fach darstellt, in dem man das breiteste und damit umfassendste Wissen braucht, die Patient:innen ganzheitlich betrachten muss und den Fokus nicht nur auf ein Organ oder ein Problem legen darf. Für mich war und ist es eines der spannendsten Fächer der Medizin, mit der größten Abwechslung im Alltag und der flexibelsten Gestaltung der Work-Life-Balance. Eigentlich würde es sich hierbei um einen sehr attraktiven Job handeln – wenn er nicht durch das Ausbildungssystem unattraktiv gemacht würde. 

Das sind unsere Ziele für die Allgemeinmedizin: 

  • Eine Ausbildung zur Fachärztin bzw. zum Facharzt für Allgemeinmedizin, die dieser Aufgabe gerecht wird und mit einer Angleichung der Tarife auf Fachärzt:innenniveau einhergeht
  • Ein attraktives Ausbildungsmodell für die Allgemeinmedizin, das über eine alleinige Verlängerung der Lehrärzt:innenpraxis hinaus geht
  • Mitentscheiden! Die Sektion Allgemeinmedizin der Österreichischen Ärztekammer verhandelt in diesem Moment die Fachärztin bzw. den Facharzt für Allgemeinmedizin gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit. Wir als junge und zukünftige Allgemeinmediziner:innen wollen mitsprechen können! 
  • Flexiblere Gestaltung der Wahl- und Pflichtfächer
  • Verbesserung der Entlohnung während der Lehrpraxiszeit und Möglichkeit des Zuverdienstes über Dienste und Anstellungen im Krankenhaus
  • Wechsel von Allgemein- in Fachärztinnenausbildung und umgekehrt zu jeder Zeit ermöglichen
  • Einführung eines Referats für die Allgemeinmedizin-Ausbildung (Überprüfung der Ausbildungskonzepte und Umsetzung)
  • Ausbildungskonzepte und Ansprechpartner:innen für Allgemeinmediziner:innen (mit Unterscheidung zu Basisausbildung) an jeder Abteilung etablieren und Angleichung an die Assistenzärzt:innen-Ausbildung (Assistenzärzt:innen in Ausbildung Allgemeinmedizin)

Benjamin Glaser im Team Szekeres
von Benjamin Glaser

Als sehr unbefriedigend und in höchstem Maße ineffizient stellt sich recht häufig die Arbeitssituation an Wochenenden in den Notfallambulanzen dar. Ordinationen und Privatkliniken haben geschlossen, die wichtige Aufgabe der Akutversorgung fällt bekanntlich den Häusern des Wiener Gesundheitsverbunds zu. Mitunter kann es sogar vorkommen, dass ein Spital alle Patientinnen und Patienten in Wien unfallchirurgisch versorgen muss. Da ist es der Sache alles andere als dienlich, dass die sehr häufigen Rettungszufahrten in der Regel nur unzureichend gelenkt werden. 

Ferner kommt es in der Praxis häufig vor, dass Patientinnen und Patienten mit akut auftretenden Beschwerden, die zuvor nicht mit einem Hausarzt abgeklärt wurden, die Notfallambulanz aufsuchen. Man muss aufgrund der einschlägigen Erfahrungen nicht einmal überspitzt formulieren, um festzustellen, dass die Notfallversorgung mitunter auch mit Problemstellungen wie beispielsweise einem seit drei Wochen eingewachsenen Zehennagel befasst wird. An dieser Stelle findet keine Lenkung statt, der Strom an Patientinnen und Patienten gelangt hier ungefiltert – mit allen Konsequenzen für das Personal – in die Aufnahme. Auf diese Weise wird nicht selten eine Kollegin bzw. ein Kollege um Mitternacht zur Vornahme einer Behandlung angerufen.

Das Team Szekeres spricht sich deshalb für eine bessere Lenkung im Sinne einer funktionierenden Notaufnahme aus. Konkret muss sichergestellt werden, dass ärztliches Personal nur konsultiert wird, wenn eine entsprechende Notfallsituation indiziert ist. Es ist in höchstem Maße ineffizient und wohl auch finanziell nicht argumentierbar, wenn Patientinnen und Patienten zu jeder Tages- und Nachtzeit direkt eine Spezialistin bzw. einen Spezialisten konsultieren können, ohne zuvor eine andere Ärztin bzw. einen anderen Arzt aufgesucht zu haben. Hier bedarf es unserer Ansicht nach einer effizienteren Handhabung im Sinne einer gewissenhaften und professionellen Vorauswahl, bevor das breite Spektrum einer Notfallambulanz hochgefahren wird. Den Luxus einer 24-Stunden-Versorgung für Belange, die normalerweise durch die Hausärztin bzw. den Hausarzt abgeklärt werden können, kann sich selbst das beste Gesundheitssystem der Welt nicht leisten – schon gar nicht, wenn es über kurz oder lang eine Abwanderung von Fachpersonal aus den betroffenen Häusern verhindern möchte.

Dr. Sophia Merl  im Team Szekeres
von Sophia Merl

19:30: Endlich sind alle Aufnahmen abgearbeitet. Vielleicht kann ich mir eine halbe Stunde Ruhe im Dienstzimmer gönnen. Also ab auf Ebene acht! Der Gang ist finster, nach Sonnenlicht sucht man hier vergeblich, aber vor allem funktionieren die Ganglichter nicht mehr. Leider kümmert sich niemand darum. Wozu auch? Der Schimmel wuchert an der Decke, die Wände sind abgebröckelt und rissig – ein echter Ort zum Wohlfühlen! Das Dienstzimmer gefunden, lege ich mich auf das Bett. Im Sommer ist es hier zum Sterben heiß, und im Winter zieht es nur so bei den Fenstern rein – aber immerhin funktioniert die Heizung. Ich habe Durst, ein Waschbecken gibt es jedoch nicht. Naja, dann warte ich eben, bis ich wieder rausmuss. 

Der Anruf folgt wie erwartet. Ein Laborbefund ist fertig, und ich werde gebeten, ihn mir anzusehen. Am Schreibtisch steht ein alter Röhrenfernseher mit einer Antenne, die bis zur Decke reicht. Ich habe keine Ahnung, was der hier macht. Ich bezweifle stark, dass er funktioniert, und Befunde kann ich mir darauf auch nicht ansehen. Vielleicht dient er ja zur Dekoration? Es geht also wieder fünf Stockwerke runter, um zu einem Computer zu kommen. 

Alles in Ordnung, der Befund war unauffällig, der Patientin geht es gut. Also geht es wieder hoch. Langsam könnte ich mich bettfertig machen, mir das Gesicht waschen und die Zähne putzen. Ich schnappe mir also meine Zahnbürste und wage mich auf den nur spärlich beleuchteten Gang hinaus. Es wirkt hier fast wie in einer Szene aus einem Horrorfilm. Plötzlich kommt mir mein OA entgegen. Peinlich, ich stehe hier mit der Zahnbürste in der Hand und trage keinen BH mehr. Ich komme mir vor wie damals auf der Schullandwoche mit Gemeinschaftsduschen und Gemeinschaftsbad. 

Das kleine Waschbecken ist in eine Ecke gezwängt – natürlich spuckt es nur Kaltwasser aus. Brrr…. Noch schnell auf die Toilette, denn dafür möchte ich nicht unbedingt noch einmal aufstehen. Ich weiß zwar nicht, welche jetzt die Damen- und welche die Herren-WCs sind, denn es ist nichts angeschrieben, aber zum Glück ist mir so etwas egal. Am Klo kann man übrigens etwas über österreichische Geschichte lernen: Wie haben Toiletten vor über 50 Jahren ausgesehen? Irgendwie erinnert mich das an den Klomuseumsbesuch in Gmunden – mit dem Unterschied, dass ich hier in den Genuss einer echten Live-Vorführung komme.

Gut, ich beeile mich zurück ins Zimmer und hoffe, dabei niemandem mehr zu begegnen. Das Ganze ist so schon unangenehm genug. Im Zimmer zieht es, Internet habe ich in dieser Kammer sowieso nicht, also habe ich die Wahl, es mir am abgesessenen Lehnsessel (un)gemütlich zu machen, oder einfach zu kapitulieren. Nachdem ich vermutlich ohnehin bald wieder angerufen werde, entscheide ich mich für Letzteres und mache kurz die Augen zu. 

01:00: Das Handy läutet. Es handelt sich um eine Aufnahme. Ich versuche, mich in der Finsternis des Zimmers anzuziehen. Auch hier gibt es kein Licht. Die Deckenlampe ist seit drei Wochen kaputt. Irgendwie ist das aber auch schon egal, der Lampenschirm ist dermaßen verstaubt und vergilbt, dass eine Inbetriebnahme wohl keinen Unterschied machen würde. Ein Nachttischlicht gibt es selbstverständlich auch nicht. Zum Glück habe ich ja die Taschenlampe vom Handy.

04:00: Mein Pager piepst „NOTSECTIO“. Mein Puls schnellt sofort auf 200 hoch. Was steht da am Pager? „AAAAA“? Was mache ich jetzt? Soll ich rennen? Ich rufe die Assistenzärztin an. Sie hebt ganz entspannt ab – keine Notsectio also. Sie gibt mir den Hinweis, dass der Batteriestand des Pagers vermutlich schon niedrig sei. Großartig, woher bekomme ich jetzt Batterien? Abschalten kann ich das Ding auch nicht, und so piepst es alle fünf Minuten munter vor sich hin. Das war es dann mit dem Schlafen. Immerhin habe ich ein Telefon, hoffentlich hat das genug Akku. Es gibt hier nämlich nichts zum Aufladen, geschweige denn ein Zimmertelefon. 

06:30: Als ich den Pager gerade zum gefühlt hundertsten Mal stummschalten will, erreicht mich der Anruf „eilige Sectio“. Zum Glück war die Assistenzärztin so aufmerksam, mich eigens anzurufen. Ich mache mich also auf in den OP. Eine Menge Fruchtwasser auf die Schuhe bekommen, Blutspritzer auf der Covid-Maske – ich will nur noch duschen. Also ab ins Bad. Ich versuche auszublenden, wie unhygienisch hier alles ist. Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Ich drehe das Wasser auf – zum Glück ist es warm.  Der Duschkopf ist so verkalkt, dass es in alle Richtungen sprüht. Jetzt gebe ich auf. Ich will nur noch nach Hause.

Nur noch 71 Dienste in diesem Jahr. 

Eine funktionierende und zeitgemäße Infrastruktur sollte eine unabdingbare Grundvoraussetzung unserer ärztlichen Tätigkeit in den Spitälern darstellen. Dabei ist nicht nur essentiell, dass die notwendigen Ressourcen für eine moderne Patient:innenversorgung vorhanden sind, sondern auch die Einrichtungen für unsere persönlichen Belange einen gewissen Mindeststandard erfüllen. Immerhin verbringen wir hier einen nicht unerheblichen Teil unseres Lebens.

Das Team Szekeres fordert daher, dass die notwendigen Umbau- und Modernisierungsarbeiten in unseren Spitälern endlich in Angriff genommen und auf einen zeitgemäßen und vor allem lebenswerten Stand gebracht werden.

Marina Hönigschmid für das Team Szekeres Ärztekammerwahl Wien 2022
Von Marina Hönigschmid
und Elke Wirtinger

Übergriffe auf Kolleg:innen haben im Zuge der Pandemie weiter zugenommen und sind zurecht auch in den medialen Fokus gerückt. Bei Gewalt an Ärzt:innen handelt es sich jedoch um kein neuartiges Phänomen. Das Team Szekeres setzt sich seit vielen Jahren mit konkreten Initiativen für ein sicheres Arbeitsumfeld ein. So wurde 2019 unserem Antrag auf Implementierung einer Ombudsstelle stattgegeben – wenige Monate bevor uns alle eine Messerattacke in einem Wiener Krankenhaus zutiefst erschütterte. Weitere Maßnahmen wurden auf den Weg gebracht und dringliche Forderungen eingemahnt.

In einer im Jänner erschienenen langen Liste an Empfehlungen des Innenministeriums wird in Spitälern tätigen Kolleg:innen unter anderem nahegelegt, den Arbeitsplatz nur noch in Gruppen zu verlassen. Dieses verstörende Bild veranschaulicht die prekäre Sicherheitslage, der sich Ärzt:innen zunehmend ausgesetzt sehen.

Bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie konnte die Situation getrost als äußerst angespannt bezeichnet werden. Eine von Dr. Marina Hönigschmid und Dr. Elke Wirtinger, beide Mitglieder des Team Szekeres, im Jahr 2019 initiierte Studie förderte niederschmetternde Erkenntnisse zutage. Damals gaben 60,8 Prozent der befragten Ärzt:innen an, in den vergangenen sechs Monaten persönlich durch verbale Aggression oder körperliche Angriffe attackiert worden zu sein. Bei Frauen lag der Wert mit 63,4 Prozent sogar höher, tendenziell stärker betroffen sind junge Kolleg:innen (69,1 Prozent).

Die Hemmschwelle sinkt

Heruntergebrochen auf das Fach, manifestiert sich ein besonders hoher Anteil im Bereich der Kinderärzt:innen. Besonders beunruhigend sind Beschimpfungen direkt in den Ambulanzen und Ordinationen, darüber hinaus ist vor allem in den Krankenhäusern das Phänomen körperlicher Aggression zu beobachten. Zumeist geht die Gewalt dabei von den Patient:innen bzw. deren Angehörigen aus. Generell ist im Arbeitsalltag der Wiener Ärzt:innen ein Sinken der Hemmschwelle hinsichtlich Beleidigungen und Gewalt deutlich erkennbar.

Oftmals resultieren die Angriffe aus Unverständnis über lange Wartezeiten. Den hohen Erwartungen, rasch behandelt werden zu können, stehen ein immer größer werdender Arbeitsanfall sowie erhöhter Dokumentationsaufwand gegenüber – Phänomene, die durch begrenzten technischen Fortschritt und akuten Personalmangel befeuert werden.

Einführung einer Ombudsstelle erreicht

Im Frühjahr 2019 wurde auf Antrag von Dr. Marina Hönigschmid in der Ärztekammer eine Taskforce für Personalsicherheit gegründet. Zusammen mit Dr. Elke Wirtinger und einigen anderen Kolleg:innen wurde an konkreten Lösungen und Verbesserungen gearbeitet. Als bittere Pointe im zeitlichen Zusammenhang mit dieser Initiative des Team Szekeres wurde nur wenig später die Messerattacke auf einen Kollegen in einem Wiener Spital bekannt.

Um konkrete Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit auf den Boden zu bringen, haben wir überdies in der jüngsten Kuriensitzung erfolgreich einen Antrag eingebracht, der es Kolleg:innen im Angestelltenbereich künftig ermöglichen soll, Befunde mit einer Dienstnummer anstelle des vollen Namens unterzeichnen zu können. Auf diese Weise wird eine Rückverfolgung durch Patient:innen deutlich erschwert.

Unser Anspruch auf Anonymität

In Fällen von aggressivem Verhalten von Patient:innen waren viele Ärzt:innen bislang genötigt, die Befundausstellung zu verweigern, was die betroffenen Kolleg:innen jedoch in rechtliche Schwierigkeiten bringen kann und zudem der weiteren Behandlung hinderlich ist. Mit diesem bereits mehrheitlich beschlossenen und noch umzusetzenden Antrag wird es betroffenen angestellten Ärzt:innen (im niedergelassenen Bereich ist eine solche Regelung aufgrund der faktischen Gegebenheiten – Patient:innen kennen hier ihre Hausärzt:innen – nicht praktikabel) künftig möglich sein, situationsbedingt entweder mit dem Namen oder der Dienstnummer zu unterfertigen. Polizist:innen sowie Sanitäter:innen unterzeichnen längst mit einer Dienstnummer – eine Vorgangsweise, die im Lichte der zunehmenden Gewaltanwendung auch für die Ärzt:innenschaft möglich sein muss.

Darüber hinaus kämpfen wir weiter für Anonymität auch bei Impfungen außerhalb der eigenen Ordination. Weiters sprechen wir uns für die Installierung von Direktleitungen zwischen Ordinationen und den jeweils zuständigen Polizeidienststellen aus. Auf diese Weise kann ein schnelleres Einschreiten durch die Exekutive erreicht werden.

Das Team Szekeres wird weiter unnachgiebig und mit voller Kraft für die Sicherheit der Ärzt:innen eintreten.

von Helmut Steinbrecher

Mit der seit 2019 geltenden Notärztinnen/Notärzte-Verordnung hat die Ausbildung zur Notärztin bzw. zum Notarzt eine bemerkenswerte Aufwertung erfahren. Konnte die zur Ausübung dieser Tätigkeit erforderliche Qualifikation bislang quasi nebenher, etwa durch den Besuch eines Wochenendkurses, erworben werden, so ist nun ein Nachweis in Form eines umfangreichen Rasterzeugnisses zu erbringen.

Die damit einhergehende Anhebung der Voraussetzungen zum Erwerb der notärztlichen Ausbildung ist angesichts der herausfordernden Situationen, mit denen sich Kolleginnen und Kollegen in der Praxis alleine und mit beschränkten Mitteln konfrontiert sehen, grundsätzlich zu begrüßen. Ein wesentliches Problem stellt jedoch die fehlende Struktur zum Erwerb der doch recht ambitionierten Voraussetzungen dar. In vielen Fällen erscheint es schlicht unmöglich, die erforderlichen Nachweise zu erbringen.

Unter anderem sind zum Erwerb der erforderlichen Qualifikation über 20 notärztliche Einsätze nachzuweisen. Fraglich erscheint in diesem Zusammenhang, wie diese Bedingung in der Praxis erfüllt werden soll. So wird der Gesundheitsverbund ein überschaubares Interesse daran haben, Auszubildende, die anschließend nicht im Spital arbeiten werden, zu dieser beachtlichen Anzahl an erforderlichen Fahrten mitzunehmen.

Grundidee der notärztlichen Ausbildung ist es unter anderem, auch nicht fertig ausgebildete Kolleginnen und Kollegen notärztliche Dienste versehen zu lassen, sofern eine Ausbildungszeit von drei Jahren absolviert wurde und gewisse Grundfertigkeiten erlernt wurden. Hier ist jedoch einerseits in vielen Fällen unklar, was konkret anrechenbar ist bzw. wer die erforderlichen Nachweise im Rasterzeugnis beglaubigen darf, andererseits sind auch an dieser Stelle einige inhaltliche Voraussetzungen problematisch. So ist es unter anderem erforderlich, an fünf Spontangeburten mit postpartaler Versorgung des Neugeborenen teilzunehmen, obwohl viele Spitäler über keine Geburtshilfeabteilung verfügen.

Als äußerst ambitioniert ist auch die Voraussetzung zu bewerten, eine Atemwegssicherung mittels Intubation oder Larynxmaske außerhalb von Kursen an 70 erwachsenen Personen (davon maximal 50 Prozent im Simulationsweg) durchzuführen. Auch hier stellt sich die Frage, wie die immens hohe Zahl von 35 „echten“ Intubationen von Ausbildungswerberinnen und Ausbildungswerbern, abgesehen von künftigen Anästhesistinnen und Anästhesisten, strukturell erbracht werden soll. Gleiches gilt unter anderem für die vorgeschriebene Betreuung von zehn Intensivpatientinnen bzw. Intensivpatienten mit invasiver Beatmung.

Besonders problematisch erscheinen die beschriebenen Hürden vor dem Hintergrund des vorherrschenden Mangels an Notärztinnen und Notärzten. Es steht zu befürchten, dass eine derartige Verschärfung bzw. Verunmöglichung der Ausbildung die Zahl an verfügbaren Kolleginnen und Kollegen weiter reduzieren wird. Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang etwa, dass abgesehen von NEF-Diensten auch für Veranstaltungen wie Konzerte, Theater oder Sportevents Notärztinnen bzw. Notärzte abgestellt werden müssen. Auch die Arbeit im Ärztefunkdienst setzt ein Notarztdiplom voraus. Die gegenständliche Verordnung trat im Sommer 2019 in Kraft, bis 2021 galten Übergangsbestimmungen. Als unmittelbare Auswirkung der Pandemie wurden seitdem viele Großveranstaltungen nicht abgehalten. Eine weitere Intensivierung des Mangels an Notärztinnen und Notärzten würde nach einer Normalisierung des öffentlichen Lebens für eine bedrohliche Zuspitzung sorgen.

Das Team Szekeres bekennt sich zu einer qualitativ hochwertigen Ausbildung für Notärztinnen und Notärzte, mahnt aber gleichzeitig energisch eine realistische Möglichkeit zum Erwerb der dafür nötigen Qualifikation ein.
Konkret sprechen wir uns für eine vollständige Überarbeitung der Notärztinnen/Notärzte-Verordnung aus. Einen gangbaren Lösungsweg sehen wir etwa in einer Unterscheidung zwischen einer Absolvierung des notärztlichen Diploms innerhalb der regulären Ausbildung und einer Absolvierung bei aufrechter ärztlicher Berufsberechtigung. Alternativ sehen wir auch eine Abstufung analog zu den durchzuführenden Tätigkeiten als zielführend an.